Cannabis im Dienst der Medizin

  • Seit 2017 können sich Patienten Cannabis verschreiben lassen. Der Anbau in Schleswig-Holstein soll 2020 starten.


    NEUMÜNSTER Noch wirkt die Anlage am Rande eines Gewerbegebiets von Neumünster wie der Rohbau einer schlichten Lagerhalle. Nichts deutet darauf hin, was dort künftig verborgen hinter 24 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden wachsen soll. Im Auftrag des Bundes will die Aphria Deutschland GmbH aus Bad Bramstedt im Kreis Segeberg hier das erste in Deutschland angebaute medizinische Cannabis ernten – unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. „Sie sind ähnlich hoch wie beim Tresorraum einer Bank“, sagt Geschäftsführer Hendrik Knopp.


    Seit März 2017 können sich deutsche Patienten medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben lassen. Wie Cannabis wirkt, ist lange bekannt. Es kann etwa Spastiken bei Multipler Sklerose oder chronische Schmerzen lindern. Teils aber ist die medizinische Wirkung nur gering belegt, so bei Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien oder beim Tourette-Syndrom, betont die Bundesärztekammer.


    Bislang werden Cannabis-Blüten für medizinische Zwecke aus dem Ausland importiert, unter anderem vom kanadischen Mutterunternehmen der Firma aus Schleswig-Holstein. Im Herbst soll der Rohbau des Gewächshauses in Neumünster fertiggestellt sein. Das Investitionsvolumen liegt nach Unternehmensangaben im zweistelligen Millionenbereich.


    Mitte April hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bekanntgegeben, dass Aphria und ein Berliner Unternehmen in Deutschland zusammen künftig mehrere Tonnen Cannabis für medizinische Zwecke anbauen dürfen. In Schleswig-Holstein ist vier Jahre lang zunächst der Anbau von jährlich 800 Kilogramm erlaubt. Weitere 200 Kilogramm könnten nach einer gerichtlichen Klärung noch hinzukommen. Das Berliner Cannabis-Unternehmen Aurora Produktions GmbH erhielt den Zuschlag für den Anbau von einer Tonne pro Jahr und über einen Zeitraum von vier Jahren. Die Ausschreibung umfasste insgesamt 10,4 Tonnen Cannabis in pharmazeutischer Qualität. Von den 13 Losen – wie die Teilmengen genannt werden – konnten vier nicht vergeben werden, weil ein unterlegener Bieter eine Nachprüfung beantragt hat.


    In Neumünster soll Ende 2020 die erste Ernte eingefahren werden. „Unsere Pflanzen werden aber nicht ein einziges Mal das Sonnenlicht sehen“, sagt Knopp. Sie sollen in verschiedenen Kammern der mehr als 6000 Quadratmeter großen Indoor-Produktionsanlage einen Schnelldurchlauf absolvieren. Möglich macht dies aufwendige Technik. Sie wird die Luft drinnen 90 Mal pro Stunde komplett austauschen, bei konstant 23 Grad Celsius halten und maximal 55 Prozent Luftfeuchtigkeit sicherstellen.


    Die Mitarbeiter brauchen unter den extrem hellen Lampen des Gewächshauses starke Sonnenbrillen. Durch die guten Wachstumsbedingungen soll es im Schnitt nur zehn bis elf Wochen dauern, bis die Blüten geerntet werden. In der Natur schaffen die Pflanzen dies nur einmal pro Jahr. „Wir erreichen in dieser Anlage fünf bis sechs Ernten pro Jahr“, sagt Knopp. „Das schaffen wir, indem wir den Tag-Nacht-Zyklus verkürzen.“


    Aphria muss wegen möglicher genetischer Veränderungen der Pflanzen und strenger Vorgaben des Bundesamts jede Charge überprüfen. „Denn der Gehalt der Wirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) darf bei unserer Ware nur um bis zu zehn Prozent schwanken“, sagt Knopp. Beide Gehalte sind bei medizinischem Cannabis konstant und variieren nicht so stark wie illegale Produkte im Straßenverkauf. In der Apotheke kostet das Gramm aktuell mehr als 20 Euro. „Die weltweiten Produktionspreise liegen zwischen drei und sechs Euro“, sagt Knopp. Nähere Angaben macht er nicht.


    Parallel zum Cannabis-Anbau in Neumünster soll in Bad Bramstedt im Kreis Segeberg ein sogenannter Tresor entstehen. Dort will Aphria medizinisches Cannabis aus Kanada importieren und zwischenlagern.